Die Kapitalisierung des Geistes (Teil III)

Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit.

So beginnt das Sechste Kapitel von Michael Ende "MOMO und die Grauen Herren".

Ein jüdisches Sprichwort aus einer Zeit, als die Tauschwirtschaft primär gegenüber der Geldwirtschaft auftrat und Geld noch ein Äquivalent produzierter Ware war, besagte: „Die Zeit ist ein kostbares Gut; man kann sie für Geld nicht kaufen.“. Vergleichbar mit der Luft zum Atmen oder dem Sonnenlicht für das Leben.
Jedoch trug dieses Sprichwort in sich schon die Möglichkeit der Verwertung und damit des Kauf und Verkauf von Zeit. Als „kostbares Gut“ wird die Zeit benannt. Und wenig später wird man erkennen, dass es sich um ein sogenanntes „knappes Gut“ handelt. Diese wiederum stellen Wirtschaftsgüter dar. Zeit ist ein Wirtschaftsgut.

Spätestens seit Benjamin Franklin 1748 seine „Ratschläge für junge Kaufleute“ skizziert hat, wissen wir, dass Zeit Geld ist. “Bedenke, daß die Z e i t G e l d ist; wer täglich zehn Schillinge durch seine Arbeit erwerben könnte und den halben Tag spazieren geht, oder auf seinem Zimmer faulenzt, der darf, auch wenn er nur sechs Pence für sein Vergnügen ausgibt, nicht dies allein berechnen, er hat nebendem noch fünf Schillinge ausgegeben oder vielmehr weggeworfen.“

Zeit, hier verlorene (weggeworfene) Zeit in Form nicht erbrachter Arbeitsleistung ist Geld.
Geld repräsentiert Schulden, die in der Vergangenheit gemacht worden und in der Zukunft getilgt werden. Der erhobene Zeigefinger Franklins droht in seinen Ratschlägen dem jungen Kaufmann mit zukünftiger Insolvenz. Aber sollten uns heute Wissenschaft und Technik nicht eben gerade diesen "halben Tag spazieren" gehen oder auch "faulenzen" gewährleisten? Versprechen nicht die Ablassbriefe der Päpste von Industrie 4.0 das Heil in der Maslowschen Selbsterfüllung?

Smart Factory geht davon aus, dass ein nicht lineares und soziales System wie eine Fabrik mit Algorithmen zu steuern ist. Höchstens bedarf es noch dem „Mann mit dem Ölkännchen“ der ab und an die Maschinerie schmiert. Eine Idee, die auch in der Bildung wie ein böser Virus um sich greift. Wir definieren „den Homo sapiens in einen Homo competens um“. [1]

Die [heutige] Tätigkeit des Arbeiters, auf eine bloße Abstraktion der Tätigkeit beschränkt, ist nach allen Seiten hin bestimmt und geregelt durch die Bewegung der Maschinerie, nicht umgekehrt. Die Wissenschaft, die die unbelebten Glieder der Maschinerie zwingt, durch ihre Konstruktion zweckgemäß als Automat zu wirken, existiert nicht im Bewußtsein des Arbeiters, sondern wirkt durch die Maschine als fremde Macht auf ihn, als Macht der Maschine selbst. [2]

Das Detailgeschick des individuellen, entleerten Maschinenarbeiters verschwindet als ein winzig Nebending vor der Wissenschaft, den ungeheuren Naturkräften und der gesellschaftlichen Massenarbeit, die im Maschinensystem verkörpert sind und die ihm die Macht des „Meisters“ (master) bilden. [3]

Es ist nicht mehr der Arbeiter, der modifizierten Naturgegenstand als Mittelglied zwischen das Objekt und sich einschiebt; sondern den Naturprozeß, den er in einen industriellen umwandelt, schiebt er als Mittel zwischen sich und die unorganische Natur, deren er sich bemeistert. Er tritt neben den Produktionsprozeß statt sein Hauptagent zu sein. [4]
Und dies bis zu seinem vollständigen Ausscheiden aus diesem.

Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muß aufhören, die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert [das Maß] des Gebrauchswerts. Die Surplusarbeit [Mehrarbeit] der Masse hat aufgehört, Bedingung für die Entwicklung des allgemeinen Reichtums zu sein [5]

Es gibt keinen Bedarf mehr für menschliche Arbeitskraft in Form von individueller, auf den Produktionsprozess abgestimmter Arbeitszeit in Echtzeit. Maschinen, Computer und sogenannte künstliche Intelligenzen leisten Gleichwertiges um ein Vielfaches günstiger.

In dem Maße aber, wie die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöpfung des wirklichen Reichtums abhängig weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit als von der Macht der Agentien [hier Wissen und Wissenschaft], die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden und die selbst wieder — deren powerful effectiveness — selbst wieder in keinem Verhältnis steht zur unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet, sondern vielmehr abhängt vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie, oder der Anwendung dieser Wissenschaft auf die Produktion. [6]

Hochentwickelte Industrie und besonders Industrie 4.0 braucht entsprechende Agentien, braucht Wissen. Dabei entwickelt sie dies nicht aus sich heraus (welches Wissen kann eine Maschine vermitteln?) noch bemüht sie sich um deren Entwicklung (nur 28,8% der Ausbildungsplätze wurden 2015 in Großunternehmen gestellt). Nein, man kauft Wissen. Wissen ist Geld.

In dieser Umwandlung ist es weder die unmittelbare Arbeit, die der Mensch selbst verrichtet, noch die Zeit, die er arbeitet, sondern die Aneignung seiner eignen allgemeinen Produktivkraft, sein Verständnis der Natur und die Beherrschung derselben durch sein Dasein als Gesellschaftskörper — in einem Wort die Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums, die als der große Grundpfeiler der Produktion und des Reichtums erscheint. [7]

Es ist eine der noch nicht vollständig erschlossenen oder gar abgeschöpften Ressourcen des Menschen. Es ist vielleicht eine der letzten Ressourcen des Menschen nachdem Muskelkraft, handwerkliches Geschick und die Fähigkeit zum Mehrprodukt nicht mehr nachgefragt werden. Ebenso wie diese, ist es eine, dem Menschen innewohnende, sich stetig entwickelnde und zumindest theoretisch unbegrenzte Ressource, die sich ausbeuten lässt.

Gegenstand dieses Blog soll es nicht sein, wie sich diese Ressource über die Zeit im und mit dem Menschen entwickelt, wie sie vielleicht schon im Mutterleib als Keim entsteht, über Eltern, Geschwister, Spielkameraden, Schule, Freundschaften, Partnerschaften, berufliche Tätigkeit, Studium und Weiterbildung wächst und den Menschen als Menschen definiert. Unbestritten ist wohl, dass der Mensch selbst, seine Umgebung und die Gesellschaft in diese Entwicklung Zeit investiert hat. Der Mensch selbst hat Lebenszeit und die Gesellschaft hat die Lebenszeit der Beteiligten investiert.

Diese, sehr individuellen und gesellschaftlich determinierten Investitionen, bekommen heute einen Preis. 8,84 € Mindestlohn pro Stunde. Mit diesen 8,84 € sind sowohl die Investitionen, als auch die konkrete Stunde Arbeit abgegolten.
Wissen ist Zeit. Lebenszeit. 

Daten zu diesem Wissen sind der Rohstoff der Zukunft, so die Bundeskanzlerin, Frau Angela Merkel auf dem Digitalisierungskongress der CDU 2015. Und wie unbedarft gehen wir und andere damit um. Es sind unsere Daten, es ist unsere Zukunft.

Fast unmerklich ist die Lobby der Industrie 4.0 (Sie erinnern sich an die Ablassbriefe) noch einen Schritt weitergegangen. Es genügt ihnen nicht, die Wissensressource Mensch als Solches auszubeuten, man möge sie doch vorher industriekonform aufbereiten. Diese Art von Aufbereitung bedarf industrieller Strukturen und Abläufe, der sich manche sogenannten Hochschulen und Bildungsträger nur zu gerne unterwerfen. Versprechen die Strategien doch ähnliche Renditen.

Müsste das [was bei Industrierobotern Standard ist] nicht auch bei Menschen so laufen: daß sie sich – ganz nach ihren Fähigkeiten und Neigungen – selbst programmieren und man ihnen dazu lediglich die entsprechende Hilfestellung gibt? Daß sie sich ihr Wissen aus den unerschöpflichen digitalen Datenbanken selbst zusammensuchen und Mitmenschen bloß noch eingreifen, wo diese Suche stockt? [8]

Dazu mehr im nächsten Blog

--------------------------------
[1] "Lehrerdämmerung", Christoph Türke, C.H.Beck-Verlag, 3. Aufl. 2016, S. 16
[2] MEW, 23, 593
[3] ebenda
[4] MEW 42, 600
[5 - 7] ebenda, 600 ff.
[8]  "Lehrerdämmerung", Christoph Türke, C.H.Beck-Verlag, 3. Aufl. 2016, S. 18

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

An der Cocktailbar der berufl. Weiterbildung

Die Kapitalisierung des Geistes (Teil I)

Auf der Suche nach dem Stein der Weisen