Die Evolution des Homo sapiens

Im Jahre 1994 verkündeten die Autoren Mateo Alaluf und Marcelle Stroobants in der Europäischen Zeitschrift für Berufsbildung die Entstehung eines neuen Menschentyps. "Heute entsteht der Homo competens, dessen Verhalten von der Bereicherung seines Bestandes an Kompetenzen motiviert sein dürfte."[1] Wie in einer Verkündigung entdeckt man einen neuen Stern am Himmel und mutmaßt (mangels empirischer Daten), was es mit diesem auf sich haben könnte. Wissenschaftlich ist das nicht, was aber heutige Bildungspropheten keineswegs hindert, diesen neuen Stern anzubeten.

Geht man dieser "Entdeckung" auf den Grund, so läßt sich tatsächlich mit entsprechenden Filtern eine Veränderung beim Menschen beobachten. Fachkräftemangel deklamieren die einen, schlechte Allgemeinbildung die anderen, Bildungsnotstand rufen die dritten. Wie kann das sein? Haben nicht vergangene Regierungen eine Bildungsinitiative nach der anderen zur "Chefsache" erklärt? Und wiederholt steht heute die Bildung doch ganz oben auf der Agenda zu den Koalitionsverhandlungen.

Mit diesen Gedanken im Kopf begab ich mich in die freie Natur und wurde dort stiller Zeuge eines Gespräches zwischen einem Philosophen und seinem Discipulus. Es schickt sich sicherlich nicht, fremde Personen beim Gedankenaustausch zu belauschen, nur war diesmal meine Neugier größer, als mein Anstand.  ;)

hier die Worte des Schülers:

"Ich will Ihnen gern beschreiben, welche Signatur ich an den jetzt so lebhaft und zudringlich sich bewegenden Bildungs- und Erziehungsfragen vorgefunden habe. Es schien mir, daß ich zwei Hauptrichtungen unterscheiden müsse, — zwei scheinbar entgegengesetzte, in ihrem Wirken gleich verderbliche, in ihren Resultaten endlich zusammenfließende Strömungen beherrschen die Gegenwart unserer Bildungsanstalten: einmal der Trieb nach möglichster E r w e i t e r u n g und V e r b r e i t u n g der Bildung, dann der Trieb nach V e r r i n g e r u n g und A b s c h w ä c h u n g der Bildung selbst. Die Bildung soll aus verschiedenen Gründen in die allerweitesten Kreise getragen werden — das verlangt die eine Tendenz. Die andere mutet dagegen der Bildung selbst zu, ihre höchsten edelsten und erhabensten Ansprüche aufzugeben und sich im Dienste irgend einer anderen Lebensform, etwa des Staates [der Wirtschaft] zu bescheiden.

Ich glaube bemerkt zu haben, von welcher Seite aus der Ruf nach möglichster Erweiterung und Ausbreitung der Bildung am deutlichsten erschallt. Diese Erweiterung gehört unter die beliebten nationalökonomischen Dogmen der Gegenwart. Möglichst viel Erkenntniss und Bildung — daher möglichst viel Produktion und Bedürfnis — daher möglichst viel Glück: — so lautet etwa die Formel. Hier haben wir den Nutzen als Ziel und Zweck der Bildung, noch genauer den Erwerb, den möglichst großen Geldgewinn. Die Bildung würde ungefähr von dieser Richtung aus definiert werden als die Einsicht, mit der man sich „auf der Höhe seiner Zeit“ hält, mit der man alle Wege kennt, auf denen am leichtesten Geld gemacht wird, mit der man alle Mittel beherrscht, durch die der Verkehr zwischen Menschen und Völkern geht. 

Die eigentliche Bildungsaufgabe wäre demnach möglichst „courante“ Menschen zu bilden, in der Art dessen, was man an einer Münze „courant“ nennt. Je mehr es solche courante Menschen gäbe, um so glücklicher sei ein Volk: und gerade das müsse die Absicht der modernen Bildungsinstitute sein, Jeden so weit zu fördern als es in seiner Natur  „courant“ zu werden, Jeden derartig auszubilden, daß er von seinem Maß von Erkenntnis und Wissen das größtmögliche Maß von Glück und Gewinn hat. Ein  müsse sich selbst genau taxiren können, er müsse wissen, wie viel er vom Leben zu fordern habe. Der „Bund von Intelligenz und Besitz“, den man nach diesen Anschauungen behauptet, gilt geradezu als eine sittliche Anforderung. Jede Bildung ist hier verhaßt, die einsam macht, die über Geld und Erwerb hinaus Ziele steckt, die viel Zeit verbraucht: man pflegt wohl solche andere Bildungstendenzen als „höheren Egoismus“ als „unsittlichen Bildungsepikureismus“ abzutun. 

Nach der hier geltenden Sittlichkeit wird freilich etwas Umgekehrtes verlangt, nämlich eine r a s c h e Bildung, um schnell ein geldverdienendes Wesen werden zu können und doch eine so gründliche Bildung, um ein s e h r v i e l Geld verdienendes Wesen werden zu können. Dem Menschen wird nur so viel Kultur gestattet als im Interesse des Erwerbs ist, aber so viel wird auch von ihm gefordert. Kurz: die Menschheit hat einen notwendigen Anspruch auf Erdenglück — darum ist die Bildung notwendig — aber auch nur darum!"[2]

An dieser Stelle wurde mein stilles Zuhören von eigenen lauten Gedanken unterbrochen. Ist es nicht gerade das, was unsere heutigen Bildungsexperten fordern und manch Bildungsträger mit wehenden Fahnen umsetzt: Bildung = Kompetenz = Nützlichkeit? Ist Bildung nur in dem Maße "brauchbar", in  dem sie für die Arbeitswelt tauglich ist? Provoziert die aktuelle Abkehr von Bildungszielen und Hinwendung zur Reintegration von Lernenden durch die Bildungsträger die Entstehung des "geldverdienenden Wesens"? Ist der Homo competens nur ein Synonym für den "couranten Menschen"? Zumindest ad hoc musste ich all meine Fragen mit einem klaren Ja beantworten.

neugierig lauschte ich weiter:

"Dagegen wollte es mir erscheinen, als ob zwar nicht so laut, aber mindestens so nachdrücklich von verschiedenen Seiten aus eine andere Weise angestimmt würde, die Weise von der V e r m i n d e r u n g d e r B i l d u n g . Man pflegt sich etwas von dieser Weise in allen gelehrten Kreisen in’s Ohr zu flüstern: die allgemeine Tatsache, daß mit der jetzt angestrebten Ausnützung des Gelehrten im Dienste seiner Wissenschaft die B i l d u n g des Gelehrten immer zufälliger und unwahrscheinlicher werde. 

Denn so in die Breite ausgedehnt ist jetzt das Studium der Wissenschaften, daß, wer, bei guten, wenngleich nicht extremen Anlagen, noch in ihnen etwas leisten will, ein ganz spezielles Fach betreiben wird, um alle übrigen dann aber unbekümmert bleibt. Wird er nun schon in seinem Fach über dem Vulgus stehen, in allem Übrigen gehört er doch zu ihm, d.h. in allen Hauptsachen. So ein exklusiver Fachgelehrter ist dann dem Fabrikarbeiter ähnlich, der, sein , nichts anderes macht als eine bestimmte Schraube oder Handhabe, zu einem bestimmten Werkzeug oder zu einer Maschine, worin er dann freilich eine unglaubliche Virtuosität erlangt."[3]

Da haben wir ihn: den Evolutionsbeweis. Vom verstehenden, wissenden Menschen zu dem, der letzlich darauf ausgerichtet ist/wird, seinen Bestand an Kompetenzen zu mehren. Bereit für die Reintegration in den Arbeitsmarkt, veredelt durch seine Verwandlung in Humankapital, willens den Diebstahl investierter Lebenszeit zuzulassen.

Der Homo competens weist in Zertifikaten und Lebensläufen eine schier endlose Liste von Kompetenzen auf. Sie können eigenverantwortlich dokumentieren, sachgerecht einordnen, kontextbezogen verstehen, betriebsoptimal einsetzen, tarifstrukturgerecht umsetzen, situationsgerecht gestalten, zielgerecht realisieren, kostenorientiert abwickeln. Was Curricula und Zertifikate nicht benennen, ist das Denken. Das Nachdenken, das Hinterfragen, das Bilden von Zusammenhängen, die Eigen- und Fremderfahrung, das Lernen.

Es verwundert mitnichten, wenn heute ein allgemeiner Bildungsnotstand proklamiert wird, denn Können ist nicht Wissen. Wie Goethes Faust verkünden wir: "Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor;". Und wie Faust versuchen wir das Problem mit Hilfe der Magie zu lösen.

Digitalisierung/Lernen 4.0 ist unser Mephistopheles.


p.s.  In seiner zweiten Vorlesung an der Baseler Universität Anfang des Jahres 1872 lässt Friedrich Nietzsche den alten Philosophen zu seinem Schüler folgende Worte sprechen: "Ich will  jetzt etwas zu Deinem Troste sagen. Wie lange glaubst Du wohl, daß das auf Dir so schwer lastende Bildungsgebahren in der Schule unsrer Gegenwart noch dauern werde? Ich will Dir meinen Glauben darüber nicht vorenthalten: seine Zeit ist vorüber, seine Tage sind gezählt. Der erste, der es wagen wird, auf diesem Gebiete ganz ehrlich zu sein, wird den Widerhall seiner Ehrlichkeit aus tausend mutigen Seelen zu hören bekommen."[3]

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[1]  Europäische Zeitschrift für Berufsbildung 1/1994, S. 54
[2]  Nietzsche, "Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten", eKGWB 1872, S. 13ff
[3]  ebenda

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